Gerhard Ruiss: Kanzlernachfolgegedichte 2006-2017

Cover KanzlernachfolgegedichteZur österreichischen Nationalratswahl erschienen im Herbst 2017 bei der Edition Aramo die Kanzlernachfolgegedichte von Gerhard Ruiss, Autor, Sänger, literarischer Interessenvertreter. Vor 12 Jahren veröffentlichte er die Kanzlergedichte. Die Kanzlernachfolgegedichte sind nicht nur ihre Fortsetzung, sie setzen auch einen Schlusspunkt hinter rund zwei Jahrzehnte literarischer Beobachtungen österreichischer und internationaler Spitzenpolitik. Der Autor hat sich dabei in die Rolle eines literarischen Korrespondenten versetzt, der zwar nicht unmittelbar, aber doch aktuell auf politische Ereignisse und gesellschaftliche Entwicklungen eingeht.

Christian Berger, literadio, spricht mit dem Autor über politische Sichtweisen, die sich in Lyrik manifestieren.

Die Lieder der Germania

Die im Liederbuch der Germania enthaltenen Barbareien sind durch nichts zu relativieren. Angeblich soll – wie vom Verfasser der Abhandlung „Das Waffenstudententum in Vergangenheit und Gegenwart“, Andreas Mölzer, im Radio zu hören war – es sich bei solchen Versen bzw. Liedern schlagender Verbindungen um „Jux“ oder „Spott“ handeln.

Nichts an diesen bekannt gewordenen Versen der Germania ist „Spott“ oder „Jux“. Sie verherrlichen den Massenmord und rufen zum Massenmord auf. Das sind nicht die Gesänge alter Nazis, es sind die Lieder neuer Nazi-Generationen.

Es gibt keine harmlose Begründung, die die Existenz dieser Lieder in einem Studentenliederbuch erklären könnte. Literarisch-musikalische Werke wie die der Germania verstoßen nicht nur gegen das Wiederbetätigungsverbot, sie sind Verhetzung.

Es gibt keinen Allein-Verantwortlichen für sie, wie er angeblich gefunden wurde und sich den Behörden stellt. Das sind die Lieder einer schlagenden Verbindung und ihrer Vertreter. Diese sind die dafür rechtlich Verantwortlichen zu ungeteilter Hand und haben als solche die Konsequenzen zu tragen.

Ihr Zweck ist, rechtsextremes Gedankengut an nächste Generationen weiterzugeben, ihre Funktion ist, das Denken in den Verbindungen in dieser Hinsicht zu „schulen“, sie sollen, wann und wo immer das möglich ist, gesungen werden. Wir fürchten, unter dem Deckmantel der Freiheit der Kunst, ein Einschleichen dieses Liedergutes und jener Gedanken, unter deren Herrschaft so viele unserer Vorgänger einen hohen Preis bezahlt haben.

Wir sehen es nicht nur als eine zentrale gesellschaftspolitische, sondern auch als eine zentrale kulturpolitische Aufgabe an, dieser Unterwanderung der Gesellschaft im Mantel literarisch-musikalischer Werke mit aller Entschiedenheit entgegenzutreten und deren Absichten offenzulegen.

Solche Lieder und Verse wie die der Germania verfolgen keinerlei künstlerische Absicht, sie dienen allein dem ideologischen Zweck der Wiederbelebung und Durchsetzung nationalsozialistischen Gedankenguts, kurzum sie sind neo-nationalsozialistische Propaganda.

Diese Erklärung wurde von Gerhard Ruiss, Elfriede Jelinek und Peter Rosei initiiert und vielen weiteren KünstlerInnen unterzeichnet (vgl. standard 28.1.2018). Auch literadio unterstützt dies.

Christian Futscher: Wer einsam ist in der großen Stadt

Christian FutscherBuchcover präsentierte seine Erzählsammlung Wer einsam ist in der großen Stadt”, erschienen im Czernin-Verlag, am 16.11.2017 im Weinhaus Sittl in Wien. “In kurzen Texten und längeren Erzählungen nimmt Christian Futscher seine Leserinnen und Leser mit durch die Stadt und die Welt. Er verfasst Nachrufe, sucht mit seinen Protagonisten nach alten und neuen Freunden, Zipfelmützen und einem Nagelzwicker.” (Czernin Verlag)

literadio war dabei und am besten hören Sie selbst:

Vorbei mit schalem Nachgeschmack

Die Frankfurter Buchmesse 2017 wird uns trotz zahlreicher interessanter Neuerscheinungen und Gespräche vor allem aufgrund der physischen Gewalt rechtsextremer Besucher in Erinnerung bleiben. Die Attacke auf Achim Bergmann erfolgte nur wenige Meter von unserem Stand entfernt. literadio lud den Verleger zum Gespräch und die Messeleitung wurde – auch durch andere Standinhaber – zu einem Statement aufgefordert. Dieses fiel dann eher schwach aus. Das Problem bleibt wohl auch für die nächsten Jahre bestehen.

Dennoch freuen wir uns über zahlreiches Re-Broadcasting und viele neue Kontakte in der Literaturszene.

Offener Brief an die Frankfurter Buchmesse

Sehr geehrter Herr Direktor Boos!

Wir nehmen seit mehr als 25 Jahren an der Frankfurter Buchmesse teil.
Wir haben die Frankfurter Buchmesse für ihren Einsatz für verfolgte und
unterdrückte Autor/inn/en und Literatur und ihr Eintreten für die
Grundwerte der Demokratie immer außerordentlich geschätzt.

Im Vorfeld der heurigen Messe und auch am Beginn der Messe hieß es, dass
es problematische Ausstellerbeteiligungen von Vertretern aus dem
rechtsextremen Lager geben soll. Wir haben der Angelegenheit keinerlei
weitere Beachtung geschenkt, weil wir davon ausgegangen sind, dass die
Frankfurter Buchmesse rechtsextremen Aktivitäten sicher keine Bühne
geben wird. Das sehen wir seit gestern Nachmittag anders.

Gestern Nachmittag wurde der 74jährige Verleger bzw. Betreiber des
Trikont Verlages bzw. Indie-Labels Achim Bergmann von einem Zuhörer vor
dem Verlag der rechtsextremen „Jungen Freiheit“ wegen eines Zwischenrufs
vom Gang aus mit der Faust niedergeschlagen. In weiterer Folge wurde
auch seine Mitarbeiterin niedergestoßen und ihr Mobiltelefon durch die
Halle geschleudert. Das alles hat sich in nächster Nähe zu unserem Stand
und dem Österreich-Stand ereignet, wo Achim Bergmann auf dem Weg zum
Stand des österreichischen Wieser Verlags war. Trikont begeht heuer sein
50. Bestandsjubiläum und ist ein großer Freund der neuen
österreichischen Volksmusik und u.a. der Entdecker von Attwenger.

Auch wenn alles polizeilich aufgenommen und der Angreifer festgenommen
wurde, so bleibt der Vorfall doch ein bisher unvorstellbarer Akt auf
einer Frankfurter Buchmesse. Unser Stand und der Österreichstand sowie
zahlreiche andere österreichische Verlagsstände (übrigens auch der
Länderstand der Schweiz} wurden also in Nachbarschaft zu rechtsextremen
Ausstellern angesiedelt, das war uns bis zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst.

Ich möchte Ihnen als Ergebnis dieses Vorfalls in unserer Nachbarschaft
daher in aller Klarheit und Deutlichkeit sagen:

Rechtsextreme Verlage sind in unserer Nachbarschaft nicht willkommen.
Wir kommen nicht zur Frankfurter Buchmesse und bezahlen dafür, um uns
mit rechtsextremen Ausstellern in einer gemeinsamen Ausstellung zu zeigen.

Wir erlauben den Feinden der Meinungsfreiheit und Meinungsvielfalt
nicht, sich der Mittel der Demokratie zur Abschaffung der Demokratie zu
bedienen. Wir gestehen ihnen kein Recht zu, ihr menschenverachtendes
Gedankengut Seite an Seite mit uns als gleichwertige Produkte zu
präsentieren.

Wir sind nicht bereit, die Anwesenheit von Rechtsextremisten und
rechtsextremen Ausstellern auf der Frankfurter Buchmesse stillschweigend
hinzunehmen.

Wir können vielleicht nicht die Wiederentstehung rechtextremistischer
Gedanken verhindern, wir haben aber die Verpflichtung, ihrer Ausbreitung
jeden demokratischen Widerstand entgegenzusetzen, zu dem wir imstande sind.

Rechtsextreme Aussteller mit Schlägern in ihrem Umfeld haben auf der
Frankfurter Buchmesse nichts verloren.

Mit freundlichen Grüßen
Gerhard Ruiss

IG Autorinnen Autoren, Wien

Christian Berger
literadio

Frankfurter Buchmesse Halle 4.1.B 33
14.10.2017