Leipziger Buchmesse 2020

literadio-Team Leipziger Buchmesse 2020:

Aufgrund des Corona Virus wurde die Leipziger Buchmesse 2020 abgesagt. literadio bringt hier im Ersatzprogramm Gespräche mit AutorInnen, die eigentlich auf der Buchmesse geführt werden sollten und nun zumeist online nachgeholt wurden.

  • Christian Berger (aufdraht – Redaktion, Technik)
  • Daniela Fürst (literadio – Redaktion, Programmkoordination)
  • Herbert Gnauer (no-na.net – Redaktion, Technik)
  • Regina Leibetseder-Löw (aufdraht – Photographin, Webadmina)
  • Erika Preisel (FRS – Redaktion)

 

Ute Cohen: Poor Dogs

„André, ein sephardischer Jude aus Frankreich, und Eva, eine Katholikin aus Bayern, lernen sich in einer amerikanischen Unternehmensberatung kennen. In einer Welt scheinbar grenzenloser Möglichkeiten verlieren beide den Boden unter den Füßen. André managt Leben und Liebe nach Business-Modellen. Eva ist zerrissen zwischen Selbstbestimmung und Liebe.
Ficken oder gefickt werden, das ist hier die Frage! In den Neunzigerjahren erlebte der Glaube ans große Geld einen vorläufigen Höhepunkt. Jegliche Moral wurde außer Kraft gesetzt. In der Finanzkrise 2008 folgte der große Absturz. Wie ticken die Menschen, die mit dem großen Geld jonglieren?
Poor Dogs ist ein schwarzer, eleganter, überraschend sinnlicher Psychothriller aus der Welt der Unternehmensberatung, vollgesogen mit Realität. Mondän, cool, weltläufig, lakonisch und böse. (…) Zitat: »Sex war auch nichts anderes als Körperpflege mit einem mal mehr, mal weniger brauchbaren Mittel.«“ (Quelle: Septime Verlag)

Ute Cohen zieht die Parallelen von 2008 zur aktuellen Situation, um die Macht, Gewalt und Willkür aufzuzeigen, mit der ein paar Wenige das Schicksal und die Existenz Vieler aufs Spiel setzen, um einer Illusion von Gewinnmaximierung und wirtschaftlichem Erfolg möglichst nahe zu kommen. Sie verweist aber auch auf die psychologische Ebene und beschreibt in Person von André das Phänomen des perversen Narzissten, das – ExpertInnen zur Folge – in den letzten Jahren als dominantes Persönlichkeitsmerkmal immer häufiger in unserer Gesellschaft zu finden ist.

Im Gespräch mit Daniela Fürst betont die Autorin, dass ihre Bücher nicht nur Unterhaltung sein sollen, vielmehr möchte sie den Scheinwerfer auf jene dunklen Stellen in unserer Gesellschaft richten, über die nicht gerne gesprochen wird und die dennoch existieren. Die literarische Auseinandersetzung ermöglicht ihr die Dinge zu beschreiben und zu zeigen wie sie zustande kommen, immer mit dem Wunsch, die Menschen dadurch in ihrer Fähigkeit zu unterstützen selbst zu erkennen und selbst zu handeln. Oder wie sie selber sagt: „Ich weiß, das klingt ein bisschen naiv und idealistisch, aber ich kann nicht anders!“

Ute Cohens zweiter Roman „Poor Dogs“ ist im Septime Verlag erschienen.

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Simone Schönett: Das Pi der Piratin

„Können Frauen in der männlich gefärbten Sprachwelt ihre eigene, die weibliche Begierde zum Ausdruck bringen? Die Ich-Erzählerin in Simone Schönetts rasanter Prosa begibt sich auf die Suche nach einer weiblichen Sprache der Lust. Sie will ihrer Libido Ausdruck verleihen, forscht nach den ihr gerechten Worten, merkt aber bald, dass es nicht genügt, nur aus dem Fundus der Männer Ausdrücke für das zu nehmen, worum es eigentlich geht. Etwas Neues muss entstehen. Denn solange das Wort einer Frau nicht gilt, bleibt die mögliche Eintracht zwischen den Geschlechtern immer nur Utopie … Eine lustvolle Revolution der weiblichen Sprache, die uns über die Grenzen der gängigen Ausdrucksweise hinausführt.“ (Quelle: Edition Atelier)

Simone Schönett erzählt im Gespräch mit Daniela Fürst über ihre persönliche Intention diesen Text zu verfassen, wie sie die durch die Sprache abgebildete Realität erlebt und auch von den Schwierigkeiten, sich selbst als Autorin ein Stück weit vom Text abzugrenzen. Zwar lässt sich der Text nicht klar einem Genre zuordnen oder klassifizieren, aber er nimmt uns mit auf eine außergewöhnliche sprachliche Reise, auf einen humorvollen Spaziergang durch die verschiedensten Gedankenräume der Autorin rund um die weibliche Lust.

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Andreas Unterweger: Poèmes

Andreas Unterweger ist zwar den meisten als Prosaautor bekannt (bei literadio etwa mit Grungy Nuts auf der Frankfurter Buchmesse 2018), jedoch hat ihn die Lyrik von Beginn seines Schreibens an nie losgelassen.

Auch auf der Leipziger Buchmesse 2020 wäre er wieder bei literadio zu Gast gewesen. Daniela Fürst erreichte in dann doch in Leibnitz, um das Gespräch zu seinem 2019 im französischen Verlag La Traductière erschienenen Gedichtband Poèmes nachzuholen.

Das Büchlein und die dazugehörige Einladung nach Paris zum Lyrikfestival „Printemps des poètes“verdankt er – so Andreas im Gespräch – seiner virtuellen Präsenz auf der internationalen Lyrikplattform Versopolis, die vom Verlag Beletrina in Ljubljana organisiert wird und zu der er vom Unabhängigen Literaturhaus Niederösterreich eingeladen wurde. Fast zeitgleich ist auch die französische Übersetzung seines 2015 im Literaturverlag Droschl erschienenen Werk Das gelbe Buch mit dem Titel Le livre jaune bei der Editions Lanskine veröffentlicht worden.

Im Gespräch erzählt Andreas Unterweger über den langen Weg vom „ersten wirklich wahren Satz“ bis hin zu seinen ersten Veröffentlichungen, wann ihm die Prosa dazwischengekommen ist und was es mit seinen Vorbildern Charles Bukowski und Arthur Rambeau auf sich hat.

Poèmes, wie auch seine anderen Bücher sind auf jeden Fall bei der Bücherstube Schimunek in Graz und bei der Büchertheke Draxler in Leibnitz bestellbar.

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Cornelia Travnicek: Feenstaub
Mi, 08.04.2020 08:00

Die Schicksalsgemeinschaft dreier junger Taschendiebe beginnt sich zu verändern, als ein Neuling dazustößt. Ein Roman über vergessene Kindheiten und brutale Ausbeutung dreier Jugendlicher, die um ihre Zukunft kämpfen.

Der Roman erschien 2020 im Picus Verlag und sollte bei der Leipziger Buchmesse 2020 präsentiert werden. Aufgrund der Corona Ausgangsbeschränkungen gab es eine Erstpräsentation online in der Buchhandlung Seeseiten.

Beteiligte:
Cornelia Travnicek (Autor/in)
Christian Berger (Redakteur/in)

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Dominik Barta: Vom Land

Dass Theresa, um die sechzig und Bäuerin, sich plötzlich krank fühlt, bringt alle Gewissheiten ins Wanken. Die erwachsenen Kinder müssen anreisen, von wo auch immer es sie hin verschlagen hat, um endlich wieder miteinander zu reden. Theresas Mann muss lernen, Hilfe und Gefühle zu akzeptieren. Und selbst der zwölfjährige Daniel muss seinem verbohrten Onkel Max entschlossen entgegentreten, um seinen einzigen wirklichen Freund zu schützen. Theresa aber schweigt, findet keine Worte, keinen Weg.
Mit großer Präzision und archaischer Kraft und Empathie erzählt Dominik Barta in seinem Debütroman von den Menschen und den Umständen. Er schreibt eine große Tradition der österreichischen Literatur fort und geht dorthin, wo die Provinz heute politisch ist.“ (Quelle: Zsolnay Verlag)

Dominik Barta blickt in seinem Debüt auf ein Stück Land, so wie er es in seiner Kindheit erlebt hat. Er lässt aber im Buch nicht nur Generationen und Kulturen mit ihren Wünschen und Vorstellungen aufeinanderprallen, sondern zeichnet auch das Portrait einer eigentlich starken Frau, die letzten Endes aber am omnipräsenten Schweigen zerbricht.

Der Autor im Skypegespräch mit Daniela Fürst (die sich an dieser Stelle für die Qualität entschuldigt und trotzdem ein gutes Zuhörerlebnis wünscht). Das Buch ist im Zsolnay Verlag erschienen.

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Elisabeth Klar: Himmelwärts

Wir alle spüren es: Der Raum für die, die anders denken, anders aussehen und anders lieben, wird wieder enger, die Bedrohung größer. Noch gibt es das „Himmelwärts”, die glitzernde Bühne der Dragqueens, der Zufluchtsort der Außenseiter und Nachtgestalten. Die gut versteckte Bar ist der einzige Ort, an dem sogar Sylvia sich sicher fühlt. Denn seit Sylvia, das Füchslein, auf der Flucht eine Menschenhaut von der Wäscheleine gerissen hat, lebt sie als Frau unter den Menschen, zusammen mit Jonathan, dem Träumer, dem Weltenretter. Doch als Jonathan ein gefiederter Tumor aus dem Rücken wächst und seine Verwandlung beginnt, wird klar: Nicht alles, was Flügel hat, fliegt, doch für die Utopie des „Himmelwärts“ lohnt es sich allemal zu kämpfen.“ (Quelle: Residenz Verlag)

Eine Mischung aus Fabel, Zeitgeist und klaren politischen Ansagen lässt Elisabeths Klars dritten Roman zu einem ganz besonderen werden. Die Autorin erzählt über ihre Intentionen zum Buch, warum es im Text nur eine mögliche Perspektive für sie gab und die Kraft von Symbolen darin.

Elisabeth Klar im Gespräch mit Daniela Fürst. Das Buch ist im Residenz Verlag erschienen.

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Simone Hirth: Das Loch

Lieber Frosch! Lieber Jesus! Liebe Madonna! So beginnen die Briefe einer Mutter, die zu schreiben versucht, aber kaum noch dazu kommt. Seit sie ein Kind hat, fühlt sie sich isoliert und in alten Rollenmustern gefangen. Sie hat viele Fragen: nicht nur zum Muttersein und zur Ehe, sondern zur Welt und zu den Dingen, wie sie sind. Hat sich Jesus schon mal Gedanken übers Kinderkriegen gemacht? Und wie verbringt eigentlich Mohamed den Weltfrauentag? Sie schreibt Briefe an Schneewittchen, an Ulrike Meinhof, an ihren Schwiegervater und Sohn. Je mehr Briefe sie schreibt, desto wütender wird sie: auf die ungerechte Rollenverteilung, auf die Religion und Politik.

Simone Hirth gelingt es in ihrem neuen Roman, tief in die festgefahrenen Strukturen unserer Gesellschaft einzudringen. Dabei überzeugt sie einmal mehr mit ihrem ganz eigenen und neugierigen Blick auf die Welt und schafft den Spagat zwischen Wut und Optimismus. Die Dinge müssen eben nicht so bleiben, wie sie sind.“ (Quelle: Kremayr & Scheriau)

Die Autorin im Gespräch mit Daniela Fürst über die Entstehungsgeschichte des Buches, aber auch die Frage, was aktuell Muttersein für Frauen bedeutet und welche Auswirkungen es auf deren Rolle und Stellenwert in der Gesellschaft hat. Ihr dritter Roman ist im Verlag Kremayr & Scheriau erschienen.

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Gunther Neumann: Über allem und nichts

Intensiv und atemlos erzählt Neumann von den Höhenflügen und Abgründen einer außergewöhnlichen Frau auf der Suche nach sich selbst. Immer schon war Clara fasziniert vom Fliegen. Oder doch nur auf der Flucht? Nun scheint ihr Ziel erreicht: Als Pilotin einer Billig-Airline behauptet sie sich in einer rücksichtslosen Männerwelt, zwischen Bangkok und Berlin, Colombo und Cancun, Mombasa und Madrid hat sie sich den Himmel erobert. Sie vermag eine Boeing 777 durch die heftigsten Turbulenzen zu steuern, doch ihr eigenes Leben entgleitet ihr zusehends. Zerrissen zwischen zwei Männern, heimgesucht von Erinnerungen an frühen Missbrauch, bewegt sie sich rastlos durch anonyme Flughäfen und fremde Metropolen. Erst ein Rückzug auf die tropische, vom Bürgerkrieg verwundete Insel Sri Lanka ermöglicht ihr, sich den Geistern der Vergangenheit zu stellen.“ (Quelle: Residenz Verlag)

Der Autor im Gespräch mit Daniela Fürst über das Fliegen als Metapher nicht nur für das Leben seiner Protagonistin, sondern dem von uns allen. Neumanns erster Roman ist im Residenz Verlag erschienen.

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Lucia Leidenfrost: Wir verlassenen Kinder

Ein abgeschiedenes Dorf. Leere Bauernhöfe. Eine aufgelassene Schule. Die Erwachsenen haben nach und nach das Dorf verlassen. Zurückgeblieben sind die Kinder. Sie empfangen Pakete und Geld. Sie kochen, putzen und pflegen die Großeltern und kleinen Geschwister. Scheinbar soll Krieg herrschen rundherum. Als auch der einzige Lehrer das Dorf verlässt, beginnen die Kinder, ihre eigenen Gesetze und Regeln aufzustellen. Was harmlos beginnt, wird rasch zu einem System aus Gewalt und Macht, dem sich alle zu unterwerfen haben. Nur Mila will sich nicht beugen und wird zur Außenseiterin, die bis zum Ende für das Gute kämpft.

Lucia Leidenfrost entwirft in ihrem ersten Roman eine unheimliche und vielstimmige Parabel. Das Dorf könnte überall stehen, zu jeder Zeit. Gerade das verleiht dem Roman eine durchdringende Aktualität. Doch so düster die Aussichten auch sein mögen, die Hoffnung leuchtet kraftvoll wie ein Stern in der Dunkelheit.“ (Quelle: Kremayr & Scheriau)

Die Autorin im Gespräch mit Daniela Fürst über Sprache, Entstehungsgeschichte und Hintergründe zum Buch.

Der Roman ist im Verlag Kremayr&Scheriau erschienen. 

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Lucas Cejpek: Umkreisung
Mo, 16.03.2020 09:00

Eine rätselhafte Frau als Ausgang unterschiedlicher Suchbewegungen: Iris hat viele Gestalten, ist Mensch, Pflanze, Teil des Auges oder Blende eines Objetivs. Je kleiner die Öffnung, desto größer die Schärfentiefe der ungemein detailreichen Darstellung. Der Autor Lucas Cejpek im Studiogespräch über seinen jüngst bei Sonderzahl erschienen Band ‚Umkreisung‘.

Beteiligte:
Lucas Cejpek (Autor/in)
Herbert Gnauer (Redakteur/in)

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Virale Literatur?
Fr, 13.03.2020 14:24

Im Gespräch mit Gerhard Ruiss (Autor und Geschäftsführer der IG Autorinnen Autoren) und Hannes Hofbauer (Verlagsleiter promedia) erörtert Christian Berger (literadio) die Folgen der Absage der Leipziger Buchmesse 2020, die in dieser Woche stattfinden hätte sollen. Die gesellschaftlichen und politischen Auswirkungen der staatlichen Aufrufe zur Asozialität und Abschottung gehen vermutlich weit über die Literaturszene und ökonomische Verluste hinaus.

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