Evelyn Steinthaler: „Mag’s im Himmel sein, mag’s beim Teufel sein“

Foto: Verlag Kremayr & Scheriau

Evelyn Steinthaler im Gespräch mit Daniela Fürst für unsere Sendereihe literadio on air (Ausgabe 12-18):
„Mag’s im Himmel sein, mag’s beim Teufel sein“ ist im Verlag Kremayr & Scheriau erschienen.

Stars und die Liebe unter dem Hakenkreuz.

Als 1935 die Nürnberger Rassengesetze in Kraft traten, wurde das Leben für interkonfessionelle Paare noch schwieriger und gefährlicher. Evelyn Steinthaler hat sich dem Thema über die Beziehung vier prominenter Paare genähert und illustriert so wie unterschiedlich der Umgang mit dem öffentlichen Druck war.

Wir treffen Heinz Rühmann und Hertha Feiler, Joachim Gottschalk und Meta Wolff, Kurt Weill und Lotte Lenya sowie Hansi Burg, die in wilder Ehe mit dem Superstar des deutschen Kinos, Hans Albers, zusammenlebte – und viele ihrer Weggefährten.

Was geschah also mit der Liebe in der Zeit des braunen Terrors? Welchen Schikanen waren Paare in Nazideutschland ausgesetzt, die – wie es in der NS-Diktion hieß – „gemischtrassig“ verheiratet oder liiert waren und die im Rampenlicht standen? Wie erging es jenen Stars, die die Bevölkerung in Propagandafilmen dem NS-Regime konform unterhielten, vom Kriegsalltag ablenkten und gleichzeitig um ihre Liebe kämpften oder diese um der Karriere willen aufgaben?

Macht und Möglichkeiten

Der Zufall will, dass in diesem Jahr der beiläufige, aber stets geschätzte Besuch des Messestandes bei Literadio recht politisch geprägt ist. Wir, die Kinder der 68er wissen ja sowieso, dass man dem Politischen nicht entkommt. Aber so richtig mainstreamig ist diese Auffassung längst nicht mehr. Liberalismus, zumal mit dem Präfix neo- davor ist zwar vielerorts immer noch ein Schimpfwort, aber heute doch die gänginge Haltung der aufgeklärten Linken. Der Linken, die man mit einem Leninposter und einer Karl-Marx-Medallie nicht mehr hinterm Ofen hervorlocken kann. Eh klar.

 Doch wenn man dem Gespräch mit Hannes Hofbauer, Autor der „Kritik der Migration“ lauscht, dann geht einem schnell auf, dass Liberalismus auch allzu leicht zur gefährlichen geistigen Verfasstheit gerät: Nämlich einer Art Denkfaulheit, die sich der Ursachen sozialer und politischer Zustände nicht gewahr werden will. Das dient den wahren Drahtziehern – Großkonzernen und anderen wirtschaftlich Mächtigen – ihre verwerfliche Politik zu legitimieren.

Von der WTO vergessen

Als ehemalige Redakteurin einer großen deutschen Tageszeitung erinnere ich mich, dass wir im Jahr 2007 noch über einige Staaten in Subsahara Afrika berichteten, die vier Jahre hintereinander stabil 7 Prozent Wirtschaftswachstum vorweisen konnten. Es verging kaum ein Tag, an dem unser links-liberales Blatt nicht schwarzafrikanische Anzugträger auf der Titelseite des Wirtschaftsteils abbildete.

Doch dann kam die Weltwirtschaftskrise von 2008. Und die WTO vergaß im Chaos, die vulnerablen Märkte in Subsahara Afrika zu stärken, was ihre Aufgabe gewesen wäre. Seitdem gehören Bilder von afrikanischen Wirtschaftsflüchtlingen und das Massensterben im Mittelmeer zum Alltag. Und keiner erinnert sich mehr daran, dass die Herkunfstländer dieser Menschen vor elf Jahren noch zu den aufstrebenden Schwellenländern gehörten .

Und wir fühlen uns machtlos angesichts der Strömungen der Weltgeschichte. Doch Walter Kreuz, der im Gespräch sein Buch „Sekundenbruch auf Straße 4’ vorstellt, in dem es um die Gentrifizierung alter Stadtteile in modernen Großstädten aus der Sicht der alten Bewohner geht, hat noch einen anderen Blick auf diese Macht.

Mächtig sichtbar

Sichtbar wird, wer sich diesen liberalen Strömungen wirtschaftlich erzwungener Mobilität entgegen stellt. Etwa wenn ein Bewohner, dessen altes Zinshaus abgerissen wird, sich aus Protest mitten auf die Straße legt. Er zwingt die Verkehrsteilnehmer die Route zu ändern und wird dadurch mächtig sichtbar. Ob sich dadurch wirklich nachhaltig etwas ändert, ist eine andere Frage.

Auch ob es jetzt noch nützt, mit Hofbauer festzustellen, dass vor mehr als zehn Jahren versäumt wurde, die Rechte der arbeitenden Bevölkerung in afrikanischen Staaten zu stärken, sei dahingestellt. Die Menschen, die jetzt hier sind, können nicht zurück. Wir auch nicht. Wir sollten uns vielleicht angewöhnen uns ab und an mit ihnen gemeinsam auf die Straße zu legen. Aus Solidarität.

Und um zu demonstrieren, dass wir allesamt nicht blöd sind. Das Primat der Politik war vorgestern. Wir wissen, dass es die gnadenlose Gier ist, die heute unsere Wirtschaft antreibt. Und Angst, diese Gier irgendwann nicht mehr befriedigen zu können. Und um uns darin zu erinnern, dass die Möglichkeit, der Macht die Stirn zu bieten, bedeutet, dass wir uns diese Macht nehmen müssen. Die Macht der Vision, die Macht des geschriebenen Wortes, die Macht der Freundschaft, die Macht des Lebens selbst.

Hätte ich fast vergessen, als vorhin versucht habe für das Selfie den Bauch einzuziehen. Ein Dank an die Freunde vom Literadio. Schön, dass es Euch gibt.

Gastkommentar von Natalie Soondrum

literadio mischt die Stimmen

Vom stickenden Kommissar (Tatjana Kruse: Stick oder stirb!) über die Identitätssuche eines jungen Mannes in den Wirren des Balkankrieges (Goran Vojnović: Unter dem Feigenbaum), hin zu einer makaberen Geschichte um Macht und Gerechtigkeit mit einem alten Mythos um eine irische Königin (Andrea Stift-Laube: Die Stierin), sowie grotesken Einfällen und brillant gebauten Satzgebilden (Andreas Unterweger: Grungy Nuts) bis zum langen Weg zum Frauenwahlrecht in Österreich (Frauen.Wahl.Recht. 100 Jahre Frauenwahlrecht) (und das war noch gar nicht alles) – auf der literadio-Bühne stimmt die Mischung!

Mehr zum Nachhören und Nachsehen

Autorin des Gastlandes Georgien auf der literadio-Bühne

FFBM_20181010_43Ekaterine Togonidze ist eine junge Autorin aus Georgien, die in ihrem neuesten Buch das Thema Behinderung anspricht, das in ihrer Heimat weitgehend unterdrückt wird, aber auch bei uns größerer Aufmerksamkeit bedürfte.

Das Buch “Einsame Schwestern” handelt von zwei jungen Frauen, siamesischen Zwillingen, die zum einen einen Weg für sich individuell finden müssen, mit ihrer Situation umzugehen, zum anderen Teil darum bemüht sind, von der Gesellschaft als Menschen wahrgenommen und behandelt zu werden. Die Autorin lässt Diana und Lina separat Tagebuch schreiben um dadurch diese zwei Persönlichkeiten in einem Körper verständlich zu machen. Es gelingt ihr damit, sie anziehend und liebenswert erscheinen zu lassen.

 

Redakteur*innen im Lesemodus

Die Frankfurter Buchmesse steht vor der Türe: 10. – 14. Oktober

literadio bereitet sich auf 38 Slots mit Gesprächen und Lesungen über Werke von 26 AutorInnen aus 30 Verlagen und Diskussionen mit HerausgeberInnen und VerlegerInnen über den aktuellen Diskurs in der Buchwelt vor.

 
Nach der erfolgreichen Einteilung des Bühnenprogramms wird daher bei literadio gerade fleißig gelesen um sich auf unsere Gäste – ExpertInnen aus der Literaturszene – vorzubereiten.