Macht und Möglichkeiten

Der Zufall will, dass in diesem Jahr der beiläufige, aber stets geschätzte Besuch des Messestandes bei Literadio recht politisch geprägt ist. Wir, die Kinder der 68er wissen ja sowieso, dass man dem Politischen nicht entkommt. Aber so richtig mainstreamig ist diese Auffassung längst nicht mehr. Liberalismus, zumal mit dem Präfix neo- davor ist zwar vielerorts immer noch ein Schimpfwort, aber heute doch die gänginge Haltung der aufgeklärten Linken. Der Linken, die man mit einem Leninposter und einer Karl-Marx-Medallie nicht mehr hinterm Ofen hervorlocken kann. Eh klar.

 Doch wenn man dem Gespräch mit Hannes Hofbauer, Autor der „Kritik der Migration“ lauscht, dann geht einem schnell auf, dass Liberalismus auch allzu leicht zur gefährlichen geistigen Verfasstheit gerät: Nämlich einer Art Denkfaulheit, die sich der Ursachen sozialer und politischer Zustände nicht gewahr werden will. Das dient den wahren Drahtziehern – Großkonzernen und anderen wirtschaftlich Mächtigen – ihre verwerfliche Politik zu legitimieren.

Von der WTO vergessen

Als ehemalige Redakteurin einer großen deutschen Tageszeitung erinnere ich mich, dass wir im Jahr 2007 noch über einige Staaten in Subsahara Afrika berichteten, die vier Jahre hintereinander stabil 7 Prozent Wirtschaftswachstum vorweisen konnten. Es verging kaum ein Tag, an dem unser links-liberales Blatt nicht schwarzafrikanische Anzugträger auf der Titelseite des Wirtschaftsteils abbildete.

Doch dann kam die Weltwirtschaftskrise von 2008. Und die WTO vergaß im Chaos, die vulnerablen Märkte in Subsahara Afrika zu stärken, was ihre Aufgabe gewesen wäre. Seitdem gehören Bilder von afrikanischen Wirtschaftsflüchtlingen und das Massensterben im Mittelmeer zum Alltag. Und keiner erinnert sich mehr daran, dass die Herkunfstländer dieser Menschen vor elf Jahren noch zu den aufstrebenden Schwellenländern gehörten .

Und wir fühlen uns machtlos angesichts der Strömungen der Weltgeschichte. Doch Walter Kreuz, der im Gespräch sein Buch „Sekundenbruch auf Straße 4’ vorstellt, in dem es um die Gentrifizierung alter Stadtteile in modernen Großstädten aus der Sicht der alten Bewohner geht, hat noch einen anderen Blick auf diese Macht.

Mächtig sichtbar

Sichtbar wird, wer sich diesen liberalen Strömungen wirtschaftlich erzwungener Mobilität entgegen stellt. Etwa wenn ein Bewohner, dessen altes Zinshaus abgerissen wird, sich aus Protest mitten auf die Straße legt. Er zwingt die Verkehrsteilnehmer die Route zu ändern und wird dadurch mächtig sichtbar. Ob sich dadurch wirklich nachhaltig etwas ändert, ist eine andere Frage.

Auch ob es jetzt noch nützt, mit Hofbauer festzustellen, dass vor mehr als zehn Jahren versäumt wurde, die Rechte der arbeitenden Bevölkerung in afrikanischen Staaten zu stärken, sei dahingestellt. Die Menschen, die jetzt hier sind, können nicht zurück. Wir auch nicht. Wir sollten uns vielleicht angewöhnen uns ab und an mit ihnen gemeinsam auf die Straße zu legen. Aus Solidarität.

Und um zu demonstrieren, dass wir allesamt nicht blöd sind. Das Primat der Politik war vorgestern. Wir wissen, dass es die gnadenlose Gier ist, die heute unsere Wirtschaft antreibt. Und Angst, diese Gier irgendwann nicht mehr befriedigen zu können. Und um uns darin zu erinnern, dass die Möglichkeit, der Macht die Stirn zu bieten, bedeutet, dass wir uns diese Macht nehmen müssen. Die Macht der Vision, die Macht des geschriebenen Wortes, die Macht der Freundschaft, die Macht des Lebens selbst.

Hätte ich fast vergessen, als vorhin versucht habe für das Selfie den Bauch einzuziehen. Ein Dank an die Freunde vom Literadio. Schön, dass es Euch gibt.

Gastkommentar von Natalie Soondrum

literadio mischt die Stimmen

Vom stickenden Kommissar (Tatjana Kruse: Stick oder stirb!) über die Identitätssuche eines jungen Mannes in den Wirren des Balkankrieges (Goran Vojnović: Unter dem Feigenbaum), hin zu einer makaberen Geschichte um Macht und Gerechtigkeit mit einem alten Mythos um eine irische Königin (Andrea Stift-Laube: Die Stierin), sowie grotesken Einfällen und brillant gebauten Satzgebilden (Andreas Unterweger: Grungy Nuts) bis zum langen Weg zum Frauenwahlrecht in Österreich (Frauen.Wahl.Recht. 100 Jahre Frauenwahlrecht) (und das war noch gar nicht alles) – auf der literadio-Bühne stimmt die Mischung!

Mehr zum Nachhören und Nachsehen

Alles was bleibt. Buchmesse Leipzig 2018

Am Ende des Tages lichtet sich der Nebel. Nicht der Sturm, sondern die Sonne lockte die Maulwürfe. Hektopolis erblühte nach drei Tagen, drei Nächten, über alle Grenzen hinweg. Doch die Weißen, für die war kein Platz in der Stadt. Ein wunderliches Leben das ganz andere Akkorde anschlug als Solo für die Unversehrten, jene Kinder für die galt: Sprich oder stirb. Aber alles was bleibt ist der erste Kuss und wir halten still. In der Stadt für alle unbeachtet der Geldroboter, der Zensur und der Stimmen gegen Rechts. Doch der Neubauer pflegte fremde Verwandschaften wie viele Tage lang nach Bananama. Aber wir nicht, wir vertreiben sie! Denn Herr Maschine sagte am Ende nur: 12 Jahre, denn am Ende bist du still. Aber Orchideen blühen überall.

Sät auf dem Humus unserer Arbeit: Christian Berger, Daniela Fürst, Erika Preisel, Herbert Gnauer, Marlene Brüggemann, Vincent Luger und Regina Leibetseder-Löw


Game öüver

Stimmen gegen Rechts! auf der literadio-Bühne

Zum Abschluss des 2. Tages diskutierten die österreichischen AutorInnen Gerhard Ruiss, Eva Rossmann, Luis Stabauer und René Arnsburg (VertreterInnen der Initiative “#verlagegegenrechts) und Moderator Christian Berger gegen rassistisches, antifeministisches und homofeindliches Gedankengut. Dieser Slot erfreute sich regem Interesse.

 

Kanonenkugeln verschiedener Größe

Seit einigen Jahren gehört es zu meinem Buchmessen-Vergnügen, völlig unvorbereitet und stets im vollen Gallop am Messestand von Literadio einzulaufen. Heuer sitzt auf der kleinen Bühne gerade Herbert Gnauer mit dem Theatermacher, Fernsehdramaturg und Buchautor Gerald Szyszkowitz. Man bedeutet mir, mich nicht länger zu verplaudern, sondern Platz zu nehmen und zuzuhören.

“Jesus ist ein Bastard”

20171012_2_3Es ist sofort spannend. Christopher Marlowe, der große Autor der Renaissance, auf dessen Werk und Biographie Szyszkowitz spezialisiert ist, hat also gerade etwas völlig Skandalöses wie “Jesus ist ein Bastard” oder so ähnlich verlautbaren lassen. Auf diese Weise im England des 16. Jahrhunderts unhaltbar geworden, täuscht der Secert Service seinen Tod vor und bringt ihn aufs europäische Festland, wo er sich gemeinsam mit dem spanischen Kollegen Cervantes der Spionage befleißigt. Sie vertauschen unter anderem die Kanonenkugeln der spanischen Armada, so dass diese sich gegen den Angriff durch die Engländer unter Drake kaum wehren kann. Die Geschichte hat Action-Film Qualität.

Es gibt in der gemeinsamen Geschichte von Cervantes und Marlowe eine Fülle von Details, die nicht nur historisch verbürgt sind, sondern sich überdies in den Dramen von William Shakespeare wiederfinden.  Und die Szyszkowitz’ Theorie stützen, Marlowe habe die berühmten Klassiker geschrieben, die unter dem Deckmann des Geschäftsmannes aus Stratford-upon-Avon veröffentlicht wurden. Das ist alles so unglaublich und noch dazu unterhaltsam vorgetragen, dass ganz klar ist, dass diese Bücher in naher Zukunft gelesen werden müssen. Bingo. Der Roman “Marlowe und die Geliebte von Lope de Vega” ist bereits in der Edition Roesner erschienen, der Titel “Romeo und Julia in Kreta” folgt in Kürze.

Die Macht der Randfiguren

20171012_6_3Im Anschluss stellt Daniela Fürst zwei Bände mit verschollen geglaubten Essays von Stefan Zweig vor. “Sternenbilder” und “Zeitlose” in der Reihe tranScript der Edition Rösner. Berührend der Nachruf von 1923 auf die ansonsten historisch unbedeutende Ottilie Demelius, die die letzte Zeitzeugin von Goethe war. Während Verleger Erich Schirhuber konstatiert, dass die Essays einen neuen Blick auf das Gesamtwerk des Autors eröffneten, erinnert sich die Zuhörerin daran, dass das was sie immer an den Büchern Zweigs gefesselt hat, nicht nur der sensible Blick des Autors auf herausragende historische Persönlichkeiten war. Es war vor allem sein Verständnis für die Verfasstheit einer Gesellschaft, in deren Kontext diese Individuen erst Bedeutung erlangt haben. Zweigs untrügliches Gespür für das Erzählpotential, das in kleinsten Details steckt.

Radio-Flaneur zu sein…

Nach einem kurzen Ausflug zur Gastland-Ausstellung “Frankfurt auf Französisch” wartet am Stand dann die ultimative Überraschung: Auf der Bühne sitzt Selim Özdogan im Interview mit Erika Preisel. Sein Roman “Wo noch Licht brennt” ist erschienen im Haymon Verlag. Was die Zuhörerin im Augenblick noch mehr fasziniert als die Geschichte von Gül, der Wanderin zwischen den Kulturen der Türkei und Deutschlands, ist die Tatsache, dass der in Köln lebende Autor, ein alter Bekannter ist. Was für ein Wiedersehen!

Das Programm müsste man lesen können, denken Sie jetzt womöglich. Wirklich, frage ich mich. Ein Radioprogramm, denke ich mir, sollte man unter keinen Umständen jemals lesen, dafür aber so oft wie möglich anhören. Und ein Radio-Flaneur zu sein auf der Frankfurter Buchmesse, das ist eigentlich das Beste. Danke, Literadio.

von Natalie Soondrum