Trauer um Achim Bergmann

Achim Bergmann – radikaldemokratischer Verleger  ist am 1.3.2018 gestorben. Er war einer der Mitbegründer des Trikont Verlages, wo u.a. auch Attwenger verlegt wurden. Jahrelang haben wir einander immer wieder auf den Buchmessen getroffen und freundschaftliche Gespräche geführt. Letzes Jahr war er auf der Frankfurter Buchmesse zu Gast auf der literadio Bühne. Einerseits feierte der Verlag sein 50 Jahres-Jubiläum und andererseits wurde Achim Opfer einer Faustattacke eines Rechtsradikalen.

Diesmal werden wir ihn leider nicht auf der Leipziger Buchmesse treffen können. Wir trauern um ihn. Das Gedenken an ihn gibt Vorbild und Kraft für antifaschistischen Widerstand.
Nachruf in der taz.

In Memoriam zum Nachhören:

Die Lieder der Germania

Die im Liederbuch der Germania enthaltenen Barbareien sind durch nichts zu relativieren. Angeblich soll – wie vom Verfasser der Abhandlung „Das Waffenstudententum in Vergangenheit und Gegenwart“, Andreas Mölzer, im Radio zu hören war – es sich bei solchen Versen bzw. Liedern schlagender Verbindungen um „Jux“ oder „Spott“ handeln.

Nichts an diesen bekannt gewordenen Versen der Germania ist „Spott“ oder „Jux“. Sie verherrlichen den Massenmord und rufen zum Massenmord auf. Das sind nicht die Gesänge alter Nazis, es sind die Lieder neuer Nazi-Generationen.

Es gibt keine harmlose Begründung, die die Existenz dieser Lieder in einem Studentenliederbuch erklären könnte. Literarisch-musikalische Werke wie die der Germania verstoßen nicht nur gegen das Wiederbetätigungsverbot, sie sind Verhetzung.

Es gibt keinen Allein-Verantwortlichen für sie, wie er angeblich gefunden wurde und sich den Behörden stellt. Das sind die Lieder einer schlagenden Verbindung und ihrer Vertreter. Diese sind die dafür rechtlich Verantwortlichen zu ungeteilter Hand und haben als solche die Konsequenzen zu tragen.

Ihr Zweck ist, rechtsextremes Gedankengut an nächste Generationen weiterzugeben, ihre Funktion ist, das Denken in den Verbindungen in dieser Hinsicht zu „schulen“, sie sollen, wann und wo immer das möglich ist, gesungen werden. Wir fürchten, unter dem Deckmantel der Freiheit der Kunst, ein Einschleichen dieses Liedergutes und jener Gedanken, unter deren Herrschaft so viele unserer Vorgänger einen hohen Preis bezahlt haben.

Wir sehen es nicht nur als eine zentrale gesellschaftspolitische, sondern auch als eine zentrale kulturpolitische Aufgabe an, dieser Unterwanderung der Gesellschaft im Mantel literarisch-musikalischer Werke mit aller Entschiedenheit entgegenzutreten und deren Absichten offenzulegen.

Solche Lieder und Verse wie die der Germania verfolgen keinerlei künstlerische Absicht, sie dienen allein dem ideologischen Zweck der Wiederbelebung und Durchsetzung nationalsozialistischen Gedankenguts, kurzum sie sind neo-nationalsozialistische Propaganda.

Diese Erklärung wurde von Gerhard Ruiss, Elfriede Jelinek und Peter Rosei initiiert und vielen weiteren KünstlerInnen unterzeichnet (vgl. standard 28.1.2018). Auch literadio unterstützt dies.

Offener Brief an die Frankfurter Buchmesse

Sehr geehrter Herr Direktor Boos!

Wir nehmen seit mehr als 25 Jahren an der Frankfurter Buchmesse teil.
Wir haben die Frankfurter Buchmesse für ihren Einsatz für verfolgte und
unterdrückte Autor/inn/en und Literatur und ihr Eintreten für die
Grundwerte der Demokratie immer außerordentlich geschätzt.

Im Vorfeld der heurigen Messe und auch am Beginn der Messe hieß es, dass
es problematische Ausstellerbeteiligungen von Vertretern aus dem
rechtsextremen Lager geben soll. Wir haben der Angelegenheit keinerlei
weitere Beachtung geschenkt, weil wir davon ausgegangen sind, dass die
Frankfurter Buchmesse rechtsextremen Aktivitäten sicher keine Bühne
geben wird. Das sehen wir seit gestern Nachmittag anders.

Gestern Nachmittag wurde der 74jährige Verleger bzw. Betreiber des
Trikont Verlages bzw. Indie-Labels Achim Bergmann von einem Zuhörer vor
dem Verlag der rechtsextremen „Jungen Freiheit“ wegen eines Zwischenrufs
vom Gang aus mit der Faust niedergeschlagen. In weiterer Folge wurde
auch seine Mitarbeiterin niedergestoßen und ihr Mobiltelefon durch die
Halle geschleudert. Das alles hat sich in nächster Nähe zu unserem Stand
und dem Österreich-Stand ereignet, wo Achim Bergmann auf dem Weg zum
Stand des österreichischen Wieser Verlags war. Trikont begeht heuer sein
50. Bestandsjubiläum und ist ein großer Freund der neuen
österreichischen Volksmusik und u.a. der Entdecker von Attwenger.

Auch wenn alles polizeilich aufgenommen und der Angreifer festgenommen
wurde, so bleibt der Vorfall doch ein bisher unvorstellbarer Akt auf
einer Frankfurter Buchmesse. Unser Stand und der Österreichstand sowie
zahlreiche andere österreichische Verlagsstände (übrigens auch der
Länderstand der Schweiz} wurden also in Nachbarschaft zu rechtsextremen
Ausstellern angesiedelt, das war uns bis zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst.

Ich möchte Ihnen als Ergebnis dieses Vorfalls in unserer Nachbarschaft
daher in aller Klarheit und Deutlichkeit sagen:

Rechtsextreme Verlage sind in unserer Nachbarschaft nicht willkommen.
Wir kommen nicht zur Frankfurter Buchmesse und bezahlen dafür, um uns
mit rechtsextremen Ausstellern in einer gemeinsamen Ausstellung zu zeigen.

Wir erlauben den Feinden der Meinungsfreiheit und Meinungsvielfalt
nicht, sich der Mittel der Demokratie zur Abschaffung der Demokratie zu
bedienen. Wir gestehen ihnen kein Recht zu, ihr menschenverachtendes
Gedankengut Seite an Seite mit uns als gleichwertige Produkte zu
präsentieren.

Wir sind nicht bereit, die Anwesenheit von Rechtsextremisten und
rechtsextremen Ausstellern auf der Frankfurter Buchmesse stillschweigend
hinzunehmen.

Wir können vielleicht nicht die Wiederentstehung rechtextremistischer
Gedanken verhindern, wir haben aber die Verpflichtung, ihrer Ausbreitung
jeden demokratischen Widerstand entgegenzusetzen, zu dem wir imstande sind.

Rechtsextreme Aussteller mit Schlägern in ihrem Umfeld haben auf der
Frankfurter Buchmesse nichts verloren.

Mit freundlichen Grüßen
Gerhard Ruiss

IG Autorinnen Autoren, Wien

Christian Berger
literadio

Frankfurter Buchmesse Halle 4.1.B 33
14.10.2017

Raoul Eisele: wenn der vorhang fällt…gibt es kein griaß di!

wenn der vorhang fällt… gibt es kein griaß di!

wir kommen aus einem land, von dem sie sich sicher ein bild gemacht haben. kennen sie dieses SCHÖNE land mit seinen tälern und hügeln, begrenzt von schönen bergen in der ferne und zäunen vor den augen. sicher haben sie schon bilder davon gesehen.

wie es betäubt und aufgespießt wie schmetterlinge unbeweglich, ja gar unfähig außerhalb des rahmens zu treten, da hängt und ewig im gedächtnis, sich ewig wiederholend ohne geschichtlichen charakter bleibt, und jede handlung vergessen hat, das schöne land an der kühlschranktür vom „hofer“, angepinnt von magneten, lädt es ein zum bleiben: ankommen und aufgeben!

zwar ist das land klein, aber es gehört uns. uns allein! denn hier darf jeder, sofern er sich ankündigt und anpasst, angenommen man lässt ihn denn, herein – mit BRAUNEN trochtnjoppale, einem grünem steirerhiatl, dem schneeweißen lächeln, auf dem wir gipfeln:d, alle talwärts fahren, im sommer, auf den brettern, die die welt bedeuten, dem blick stoisch nach rechts oben gerichtet und dem wort HEIMAT auf der zunge.

können sie jodeln? sollten sie besser!

kennen sie der weiße rausch? es sei ihnen ans herz gelegt.

besonderheiten? ohne macht – vierundzwanzig jahre keller:schacht! [lacht]

spaß beiseite – sind sie braver kirchgänger? ein sonntägliches muss!

mit abgesetztem hut, dem „heiligen:schein“ über dem kopf, mit gefalteten händen und der demut, kopf richtung boden, unsere weißen westen im gepäck, haben wir zu beten, weil es immer schon so war. denn wir sind nichts – ohne glauben – sind wir nur schein, im land der weißgeschimmelten pferde mit scheuklappen und der in lederhosen verpackten VOLKsmusik – ist alles um uns herum bildschön.

wenn man in gepantschten wein:fässern badend in glykol schwimmt, zu den klängen übers liabste heimatl singt, der musikantenstadl zum eingehängten mitschunkeln einlädt und das goldene kreuzerl über der brust wippt, ist es wiedermal samstag, der tag vorm schnitzelklopfen am vormittag, nach dem kirchgang und dem wöchentlichen sexritual, verkleidet als pfarrer und nonne, weil versaute rollenspiele die abbitte erheitern, lädt man den nachbarn zum sonntäglichen kaffee:rosen:kranzerl mit apfels[peibe]trudel und SCHLAG, gemischt mit einem stamperl, weil es das aufgesetzte lächeln schmiert, ein, denn immerhin ist nach außen hin alles bildschön.

hiSSt die fahne, unseren adler!, der sich patriotisch nach dem wind dreht, hand aufs herz, besticht die tätowierte zwölf-zehn aus der aufgeknüpften hemd:brust, neben der achtundachzig am linken oberarm, mit dem vierten spritzer beim frühshoppen, mit ANSCHLUSSstation: kellerlokal seiner genossen, treffend beim umtrunk singt: ein prosit, ein prosit der gemütlichkeit… bleibt alles bildschön.

schlägt unser herzerl im dreiviertel-takt, beim imperialen opernball, vor der kamera im glitzernden schein:werfer:licht, tanzt man zum „höfischen“ akademikerball, mit wiener eleganz und ansteck:korn:blume, hin zum feuerwehrball im gemeindeturnsaal, wo wir feucht-fröhlich im suff die sinne verlieren, könnte man kaum [bild]schöner wirken.

in den anekdoten der guten alten zeit…

sind wir auf dem RECHTEN weg in ein neues GROSSES zeitalter, in der die schöne blaue donau, noch blauer und der himmel noch strahlender, lösen wir den aktuellen stillstand mit energischem gegen-die-wand-laufen, bis der kopf von allem „vergangenen“ geleert und gereinigt ist, sind wir die unschuld in person: wie österREICH als land, waren auch die waldheim:en, khol:köpfige, OPFER, einer sich in deutsche-betten-lege-kultur, die uns glücklicherweise von ganz oben vergeben ist.

weil wir san ned deppat! nur vielgerühmt –

haben sie verstanden? dann bitte umzudrehen, ins „leere“ boot und pfiat ihnan!