Nachlese Frankfurter Buchmesse 2018

Die Frankfurter Buchmesse 2018 ist gelaufen. Literatur ist politisch. Menschen, die Bücher lesen auch. Daher gab es zwischenzeitlich immer wieder Interventionen und Aktionen. So wie der Foto-Flashmob auf der literadio-Bühne, wo zahlreiche VerlegerInnen und AutorInnen den Aufruf #FreeMaxZirngast unterstützen. Max Zirngast ist einer jener AutorInnen, die derzeit unter der Androhung hoher Gefängnisstrafen aufgrund des Vorwurfes des staatsfeindlichen Terrorismus in der Türkei in Untersuchungshaft sitzen. Max ist zufällig aus Österreich und lebt und studiert seit längerem in der Türkei.

Wir haben 38 Sendungen und 1 externe Aufzeichnung produziert, die nun gerne auch aus unserem Archiv in der CBA abgerufen werden können. Ihr findet die Beiträge gesammelt auf unserer Webseite unter NACHHÖREN . Mit Klick auf den Kopfhörer mann mensch die Sendung hören. Mit Klick auf den Titel gelangt mensch direkt zum archivierten Beitrag inkl. Download und embedcode.

Das Programm der 38 Sendungen wurde von literadio organsiert und abgewickelt. Bei der einen Aufzeichnung handelt es sich um eine Diskussionsveranstaltung der Initiative #verlagegegenrechts über den “Kulturkampf”. Die Netzwerkarbeit der Initiative trägt auch dazu bei, dass es den rechten Verlagen auf der heurigen Buchmesse nicht gelungen ist, nennenswerte Aktivitäten zu setzen.

Auf unserer Webseite gibt aber auch einiges zum Nachlesen (begleitende Blogbeiträge) und Nachschauen (Fotogalerie).

literadio gibt es seit dem Jahr 2000.Unser Archiv ist zwischenzeitlich mit über 2000 Beiträgen das wohl umfangreichste Hörarchiv zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.

#Verlagegegenrechts auf der Frankfurter Buchmesse

Die Initiative #verlagegegenrechts  ist auch auf der Frankfurter Buchmesse präsent und hat mit einem neuen Statement und Aufruf zur Positionierung gerufen:

Dem Rechtsruck entschlossen entgegentreten – in Frankfurt und überall

Als sich die Kampagne „Verlage gegen rechts“ gründete, war das der längst überfällige Versuch, die Präsenz rechter und rechtsradikaler Verlage auf den Buchmessen institutionell zu skandalisieren. Mit guter Medienresonanz und einer Fülle stark besuchter Veranstaltungen gelang ein Programm, das die Unangemessenheit der lautstarken Auftritte von rechts zeigte und sachliche Diskussion mit eigenen Inhalten dagegenstellte. Trotz dieses Erfolgs lautet unsere Bilanz: Das reicht uns nicht!

In Deutschland wie europa- und weltweit erleben wir zunehmend beängstigende Ressentiments und menschenfeindlichen Rassismus. In dieser Situation ist es uns unbegreiflich, dass sich so viele, die in unserer Buchbranche arbeiten, weiterhin nicht positionieren, geschweige denn engagieren.

Sich gezielt unpolitisch zu geben oder nach rechts unabgegrenzte Programmarbeit zu machen stärkt diejenigen, die eine tolerante und demokratische Weltanschauung attackieren und unterminieren. Die deutsche Verlagslandschaft hat sich jahrzehntelang kritisch mit dem Nationalsozialismus, seinen Ursachen und Folgen auseinandergesetzt. Umso unerklärlicher, dass die Gefahr neuer faschistischer Tendenzen unterschätzt wird. Während tausende Menschen im Mittelmeer in den Tod getrieben werden und uns täglich „die Fähigkeit des Menschen zur Unmenschlichkeit“ (Rosa Luxemburg) vor Augen geführt wird, kommt das Humane, was Literatur ausmacht, zu kurz.
Verlagsarbeit heißt in unseren Augen, die Welt zwischen zwei Buchdeckel zu bringen, die Perspektiven von Menschen aus allen möglichen Ländern zu beleuchten und gerade die Stimmen der Unterdrückten und der Andersdenkenden vernehmbar zu machen. Abschottung ist in einer Branche, in der jährlich tausende Titel aus anderen Sprachen übersetzt werden, schlechterdings die Antithese.

Während der Kampagne ist uns allzu oft das Wort Meinungsfreiheit entgegengehalten worden wie auch die Forderung, mit rechten Demagog*innen und Aufhetzer*innen zu reden. Doch was geschieht, wenn rechte Hetzparolen eine Bühne bekommen, können wir nun beobachten. Sie halten ihre Position für den Mainstream. Wir glauben weder an „Angst“ als Grund für Hass, noch an „Heimat“ als Grund für Gewalt und Empathielosigkeit. Wir sagen: Analyse ja, Verständnis nein! Wir fordern offene Grenzen in den Köpfen und zwischen den Staaten und Solidarität mit allen Schwächeren auf dieser Welt. Wir wollen, dass alle hier Lebenden sozial und politisch gleichgestellt werden. Es sind genug Mittel für ein würdiges Leben für alle da, sie sind nur falsch verteilt. Statt Geld in Infrastruktur zu investieren, werden Milliardengeschäfte mit Waffen gemacht. Die deutsche Wirtschaft und Politik wird dadurch selbst zum Fluchtverursacher. Das muss ein Ende haben.

Und es kann nicht sein, dass wir nur reagieren: Wir sollten den Diskurs bestimmen, da wir Argumente haben und nicht, wie die Rechten, nur Ressentiment. Wir wünschen uns eine andere Welt und wir wünschen uns, dass alle Verlage ihre Aufgabe darin sehen, ihrer Rolle als geistige Inspiratoren auf dem Weg dorthin gerecht werden!

Was bleibt ist Solidarität gegen Rechts! Literatur ist politisch!

“Es gilt den gesellschaftlichen Diskurs über reaktionäre, nazistische, rassistische Entwicklungen in unserer Gesellschaft mit und über die Literatur voranzutreiben. Statt Vereinzelung und Sparpolitik auf dem Rücken des ärmeren Teils der Bevölkerung durch das Auseinandertreiben der Einkommensschere braucht es Solidarität und gegenseitige Unterstützung! Beides war auf der Leipziger Buchmesse 2018 unter den AutorInnen und VerlagsvertreterInnen zu spüren. Dies kam auch bei vielen auf der Literadio Bühne präsentierten Werken zum Vorschein. Insbesondere bei der Diskussion “Stimmen gegen Rechts!” “, meinte Christian Berger, Projektleiter von literadio.

Das Aktionsbündnis #verlagegegenrechts hat aktiv dazu beigetragen, dass die Buchmesse zu einem Ort politischer Debatte geworden ist.
#verlagegegenrechts ist für viele ein Orientierungspunkt geworden, die sich gegen die Verbreitung rechter Ideologien nicht nur auf der Messe positionieren wollten”, so René Arnsburg, Mitinitiator der Initiative.

Damit ist das Ziel, den Schwerpunkt auf eine inhaltliche Auseinandersetzung zu legen, voll erreicht worden. Alle Veranstaltungen von #verlagegegenrechts waren traumhaft besucht. In 13 hochkarätig besetzten Veranstaltungen im Rahmen des Messeprogramms wurde über LGBTIQ-Rechte, die Funktion von Antifeminismus in der Rechten,
Meinungsfreiheit als Kampfbegriff, die Ursachen für das Erstarken rechter Ideologien und Ansätze für Gegenwehr diskutiert. „Die Veranstaltungen waren energiegeladen. Viele Zuhörer*innen haben im Anschluss weiterdiskutiert – die Debatte wurde auf die Buchmesse getragen”, so Lisa Mangold, Mitinitiatorin der Kampagne.
Die Vernetzung mit lokalen Initiativen hat dafür gesorgt, von Anfang an nicht nur auf der Messe aktiv zu sein, sondern über die Buchbranche hinaus zu wirken.
„Es war motivierend zu sehen, wie viele Besucher*innen und Kolleg*innen aktiv geworden sind, mitdiskutiert haben und rechter Hetze widersprochen haben.”, so Zoë Beck, Mitinitiatorin von #verlagegegenrechts.
Die Kundgebung zur Eröffnung der Buchmesse auf dem Augustusplatz am 14.3. setzte den friedlichen, aber kritischen und konstruktiven Ton für die kommenden Tage. Die Eröffnungsfeier selbst war politisch wie nie, und es gab unzählige positive Bezüge auf #verlagegegenrechts während der folgenden Tage.

Auch das Vorhaben der Rechten, durch gezielte Provokationen – unter anderem in Halle 5 bei den Unterstützer*innen des Bündnisses – einen Skandal hervorzurufen, um Bilder für die eigene Opferinszenierung zu schaffen, ging nicht auf. Drängeleien, grobe Beleidigungen und Geschrei wurden ruhig und bestimmt beantwortet.

An den Ständen der rechten Verlage waren Personen anwesend, die wegen Volksverhetzung oder Gewalttaten bereits verurteilt wurden. Unter dem Applaus von eigens dafür angereisten Mitgliedern der Identitären Bewegung, rechten Hooligans, NPD-Funktionär*innen und deren Umfeld wurden der Holocaust geleugnet, rassistische Theorien und Antisemitismus verbreitet. Das zeigt deutlich, dass die rechten Verlage mehr als reine Buch- und Zeitungsverlage sind und gleichzeitig eine Netzwerkfunktion für  die gesamte Szene erfüllen.„Die Messe Leipzig ist ihrem Versprechen nicht nachgekommen, vom Hausrecht strikten Gebrauch zu machen, wenn die Grenzen der Meinungsfreiheit überschritten werden. Auch zum Teil physische Provokationen von rechts blieben ohne Eingriff seitens der Sicherheitskräfte”, so Lisa Mangold.

Das Aktionsbündnis sah und sieht sich weiterhin als aktiver Teil einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung. Trotzdem klar ist, dass rechte Positionen nicht auf einer Buchmesse aus der Welt geschafft werden können, waren die Aktivitäten auf und um die Leipziger Buchmesse 2018 der Beginn einer beispielhaften Kampagne. „Der Schulterschluss und die Reproduktion mit rechten Argumenten auch gegen das Bündnis, die sich in einigen Kommentaren der Welt und anderer Medien zeigen, macht klar, dass es keinen Grund zur Entwarnung gibt.”, so René Arnsburg.

Viele Kulturschaffende, Politiker*innen und Personen aus dem akademischen Bereich bis hin zur radikalen Rechten haben in den letzten Tagen die rassistische “Erklärung 2018” unterzeichnet. „Diese Erklärung ist feige und polemisch. Auch Konservative müssen erkennen, dass sie mit solchen “Solidarisierungen” antidemokratische Kräfte stärken. Da müssen wir zukünftig mit #verlagegegenrechts ansetzen.”, so Zoe Beck.
(Pressemitteilung #verlagegegenrechts 18.3.2018

Stimmen gegen Rechts! auf der literadio-Bühne

Zum Abschluss des 2. Tages diskutierten die österreichischen AutorInnen Gerhard Ruiss, Eva Rossmann, Luis Stabauer und René Arnsburg (VertreterInnen der Initiative “#verlagegegenrechts) und Moderator Christian Berger gegen rassistisches, antifeministisches und homofeindliches Gedankengut. Dieser Slot erfreute sich regem Interesse.

 

Voller Erfolg der Initiative #verlagegegenrechts: Junge Freiheit sagt Messestand ab

Am Freitag 16.3.2018 werden Zoë Beck und René Arnsburg, VertreterInnen der ” Initiative #verlagegegenrechts” auf der literadio – Bühne zu Gast sein. Gemeinsam mit Gerhard Ruiss(Autor, Geschäftsführer der IG Autorinnen|Autoren), Eva Rossmann (Autorin) und Luis Stabauer (Autor) wird  über das Erstarken des Rechtsextremismus und Möglichkeiten des Widerstandes diskutiert.

In einer Pressemitteilung vom 07.03.2018 berichtet die Initiative #verlagegegenrechts über einen ersten Erfolg: Junge Freiheit sagt Messestand auf der Leipziger Buchmesse ab

Am 7.3.2018 teilt die Junge Freiheit in einer Pressemitteilung mit, ihre Teilnahme an der Leipziger Buchmesse zurück gezogen zu haben. Grund sei, die Zusammenarbeit der Messe Leipzig mit der Initiative #verlagegegenrechts und ihre Standplatzierung.

Die Initiative freut sich über die Abmeldung der Junge Freiheit und sieht sich in ihrer aufklärerischen Strategie bestätigt:
»Wir reagieren auf die Präsenz rechter Verlage mit Aufklärung und emanzipatorischen Inhalten. Uns geht es nicht um ein Verbot, sondern um Widerstand. Wir laden die Buchbranche zu einer politische und engagierten Diskussion über rechte Verlage auf der Leipziger Buchmesse ein. Dass dies zu einer Absage der Jungen Freiheit geführt hat, werten wir als vollen Erfolg.« so Lisa Mangold, Mitinitiatorin von #verlagegegenrechts.

Die Junge Freiheit kritisiert, dass der Direktor der Leipziger Buchmesse Oliver Zille sich nicht politisch neutral verhalten habe. »Kultur ist politisch. Daher finden wir es richtig, dass die Leipziger Buchmesse den Raum für politische Diskussionen schützt und fördert. Dass Verlage, die sich, wie die Junge Freiheit, zwischen Konservatismus und Neonazismus bewegen nun um politische Neutralität bitten zeigt, dass sie einer ernsthaften politischen Auseinandersetzung nicht standhalten können.“ so René Arnsburg, Mitinitiator von #verlagegegenrechts.

Das Bündnis hält am bisherigen Rahmenprogramm fest und lädt alle Interessierten ein, zu der Kundgebung zur Eröffnung der Leipziger Buchmesse am 14. März um 17.30 Uhr auf den Augustusplatz zu kommen. Lisa Mangold sagte dazu: “Der Rückzug der Jungen Freiheit ist ein erster Erfolg unserer Kampagne, doch es kann keine Entwarnung geben, solange rechte Positionen öffentlichen Anklang finden.”